Heute möchte ich euch eine interessante neue Fototechnik vorstellen. Die sog. “Brenizer Method”- benannt nach seinem Erfinder Ryan Brenizer. Ryan Brenizer ist Hochzeitsfotograf in New York und einer meiner absoluten Favorites in Sachen People-Fotografie. Dieser Mann ist echt eine Ikone auf seinem Gebiet und der RSS-Feed seines Flickr-Stream sollte in keinem RSS-Reader fehlen!
“Brenizer Method”? Wovon redest Du?
Aber was ist jetzt eigentlich diese “Brenzier Method”? Nun, ich würde es als eine Art “Bokeh Panorama” oder auch “Schärfentiefenpanorama” bezeichnen. Diese Art von Panorama unterscheidet sich stark von herkömmlichen Panoramen- vor allem aber durch 3 Punkte:
- Herkömmliche Panoramen sind i. d. Regel reine horizontale Verlängerungen eines Motivs. Bei der “Brenizer Method” ist dies anders. Hier wird versucht ein Panorama z. B. einer Person mit Hintergrund zu erfassen. Somit entstehen hier meist eckige Fotos (oder Fotos im Hochkant-Format)
- Wie eigentlich unüblich bei Panoramen wird bei der “Brenizer Method” versucht das Panorama möglichst freihändig zu erstellen. Dies erfordert einiges an Übung ist aber durchaus möglich (wie Ryan in seinen Tutorial-Videos sehr gut unter Beweis stellt)
- Anders als beim “normalen” Panorama wird bei der “Brenizer Method” versucht so wenig Schärfentiefe in das Foto zu bringen wie nur irgendwie möglich. Aber hierzu später noch mehr wenn ich etwas ins Detail gehe
Bilder sagen mehr als Worte- oder?
Richtig! Und genau aus diesem Grund sollt ihr zu allererst mal sehen wie das ganze aussehen kann…
Wie auf den Fotos unschwer zu erkennen ist, haben allesamt einen wunderschönen unscharfen Hintergrund mit sehr sanftem Bokeh. Nur das Hauptmotiv (hier die Päärchen bzw. das Model) im Foto ist scharf und klar abgebildet. Diesen Effekt der geringen Schärfentiefe kennt man normalerweise nur von Portaits oder Zoomaufnahmen und folgt der einfachen Gleichung: Je größer die Brennweite und die Blendenöffnung um so geringer ist die Schärfentiefe- und genau diese Formel nutzt Ryan bei seiner “Brenizer Method” aus. Er kombiniert eine weit offene Blende (f/2.0 oder größer) mit einer mittleren bis langen Brennweite (85-135mm) und nimmt einen recht kurzen Abstand zum Hauptobjekt ein. Einige von euch sagen jetzt sich: “Ja schön, aber dann bekommt er ja maximal den Kopf des Hauptobjekts oder vielleicht noch den Oberkörper auf den Senor” – und ihr habt damit vollkommen recht… doch hier kommt der Teil dieser Technik der dem ganzen die Kreativität (aber auch den Schwierigkeitsgrad) beschert.
Es wird kreativ!
Damit Ryan mehr als nur den Kopf oder Oberkörper seines Motivs auf das Foto bekommt, kombiniert er die o. g. Formel für eine geringe Schärfentiefe mit einer Panoramatechnik. Er macht nämlich nicht ein Foto, sondern viele Fotos und setzt diese zu einem großen Panorama zusammen. Hierbei wird kein klassisches horizontales Panorama angestrebt, sondern ein Multi-Row Panorama, also ein Panorama das nicht nur aus Fotos besteht, die nebeneinander gesetzt werden, sondern auch untereinander – also mehrere Reihen. Diese Technik ist ansich schon nicht gerade leicht zu beherrschen- aber bei der “Brenizer Method” wird das ganze noch dadurch erschwert, das man ja versuchen möchte z. B. ein Model abzubilden- sprich man hat nur sehr wenig Zeit, denn sobald sich das Model bewegt, kann man das Panorama vergessen. Ausserdem hat man keine Zeit, ein Stativ für das Panorama einzusetzen- man ist also gezwungen das ganze aus freier Hand zu machen, was das Ganze noch mal einen Tick schwieriger macht. Hat man es aber erstmal erlernt, hat man jetzt die Möglichkeit mit einer langen Brennweite und offener Blende ein “Weitwinkel”-Foto mit sehr geringer Schärfentiefe und wunderbarem Bokeh zu erstellen- etwas was mit einer echten Weitwinkel-Linse (24mm oder kürzer) niemals möglich wäre.
Ok, das gefällt mir! Aber wie macht man das denn jetzt genau?
Nunja, wie schon gesagt gehört etwas geschick und auch ‘ne ganze Menge Übung dazu. Hat man den Dreh aber erstmal raus, geht es eigentlich ganz leicht von der Hand- ihr dürft nur nicht enttäuscht sein, wenn die ersten Versuche fehl schlagen. Aber jetzt zu den Details… als Einstieg solltet ihr euch zuerst einmal dieses Lehrvideo von Ryan anschauen. Ein weiteres “Behind the lens”-Scenes von Ryan gibts hier (besonders interessant wirds ab 0:48). Als nächsten Schritt solltet ihr schauen, dass ihr das richtige Equipment zur Hand habt und dann könnt ihr auch schon wild drauf Los fotografien. In Sachen Equipment wird eigentlich nicht viel Vorausgesetzt. Ich empfehle eine Linse mit mittlerer bis langer Brennweite und min. f/4 Blende. Ich habe für meine ersten Tests das Canon EF 50mm f/1.4 genommen, habe dann aber festgestellt, das die Canon EF 85mm f/1.8 durch die etwas längere Brennweite schönere Ergebnisse liefert. Auf der Softwareseite braucht ihr ein Tool mit dem ihr Multi-Row Panoramen machen könnt. Am einfachsten geht es tatsächlich mit dem Photomerge-Automator in Adobe’s Photoshop, aber nachdem was ich gelesen habe, funktioniert diese Technik auch sehr gut mit der Panorama Factory von Smoky City Design.
Ok, alles zur Hand? Dann kanns losgehen. Für den Anfang empfehle ich euch mit einem statischen Motiv anzufangen und die technik zu erlernen. Später könnt ihr dann an “lebenden” Objekten brillieren
. Positioniert euch also vor das Motiv- vorzugsweise solltet ihr etwas in die Hocke gehen, da ich ja nicht nur das Hauptmotiv vor euch abbilden wollt, sondern auch den Hintergrund und Objekte daneben/darüber/darunter. Aus der Hocke fotografiert gibt es am wenigsten perspektivische Probleme, was nachher das Zusammensetzen des Panoramas erleichtert. Stellt auf eurer Kamera die größt mögliche Blendenöffnung ein (bei dem o. g. 85mm Objektiv wäre das also f/1.8).
Ändere das Format!
Achtet darauf, dass ihr als Fotoformat ein kleines RAW Format oder gar JPEG einstellt. Ich bin normalerweise ein RAW-Fotograf, aber bei dieser Technik macht es absolut keinen Sinn ein grosses RAW Format zu fotografieren. Ich persönlich nutze meistens JPEG oder SRAW1. SRAW1 nutze ich nur bei “schlechtem” Licht, wo ich im Nachhinein den Weissabgleich der Bilder ändern möchte. Nachdem ich den Weissabgleich vorgenommen habe, wandel ich die Bilder dann aber auch wieder nach JPEG um. Es macht das ganze einfach viel schneller und einfacher, wenn man JPEG nutzt. Sobald das Panorama dann zusammengesetzt ist, habt ihr sowieso wieder ein Foto mit einer enormen Auflösung. Also habt keine Angst und nutzt JPEG.
Automatik abschalten
Für die “Brenizer Method” ist es wichtig, dass ihr Belichtungsautomatiken und Fokusautomatiken abschaltet. Da ihr ein Panorama aus mehreren Einzelbildern zusammensetzen wollt, wäre jede Änderung in Belichtungszeit, Fokus oder Blende tödlich für das Ergebnis. Wenn eure Kamera einen “Manual”-Mode hat, schaltet in diesen. Hat eure Kamera keinen manuellen Modus, schaut das ihr irgendwie die Belichtungsautomatiken etc. abgeschaltet bekommt. Wenn ihr im “Manual”-Mode seid, stellt die Belichtungszeit und Blende bereits vorher ein. Achtet darauf, dass ihr eine Einstellung wählt die alle Bereiche des Panoramas gleich abdeckt. Die Spot-Belichtungsmessung einiger Kamera kann hier durchaus hilfreich sein. Nehmt auch vor dem eigentlichen Shoot schonmal ein paar Probeaufnahmen auf, um die Belichtung zu überprüfen. Ausserdem ist es empfehlenswert den automatischen Weissabgleich – sofern das mit euerer Kamera möglich ist – zu deaktivieren. Fotografiert ihr in RAW setzt den Weissabgleich vorab- ihr könnt ihn nachträglich via Fotosoftware wie z. B. Adobe Lightroom noch verlustfrei verändern. Fotografiert ihr in JPEG setzt den Weissabgleich so, dass er wirklich passend ist. Nachträgliches bearbeiten des WA ist bei JPEGs tricky und nicht verlustfrei.
3, 2, 1 – Shoot!
Ok, die Kamera ist eingestellt, ihr seid positioniert, alles ist vorbereitet… jetzt gehts ans Eingemachte. Im Sucher stellt ihr den Fokus jetzt auf euer Hauptobjekt, so das es scharf und klar sichtbar ist. Es ist völlig unerheblich ob ihr nur ein Gesicht (bei einem Model) oder dergl. im Sucher habt, der Rest kommt später dazu. Wie oben schon angedeutet ist es wichtig, dass der Fokus bei jedem Einzelbild der gleiche bleibt. Wenn eure Kamera einen Focus-Stop Knopf hat (wie z. B. meine Canon EOS 5D Modelle) könnt ihr diese Funktion nutzen. Hat eure Kamera keine Focus-Stop funktion, könnt ihr auf dem Objektiv vom AF in den MF Modus wechseln. Auf keinen Fall darf die Kamera fokusieren. Alles klar. Jetzt könnt ihr loslegen. Nehmt das Hauptmotiv auf, sowie den Hintergrund und Objekte daneben/darüber/darunter. Ich empfehle euch, dass ihr nach einer Art Kombination aus S-Form und Schneckenhausbewegung vorgeht. Fotografiert erst das Hauptobjekt. Dazu fangt ihr leicht über dem Objekt an, und geht S-Förmig von Oben nach Unten durch. Unten angekommen nehmt ihr Spiralförmig und immer grösser werdend um das Hauptobjekt herum und nehmt weitere Fotos auf- wie ein Schneckenhaus halt. Achtet vor allem darauf, dass ihr jeden Zentimeter des Bereichs den ihr später abbilden wollt aufnehmt und dass sich alle Fotos überschneiden. Ansonsten hat die Software nachher keine Möglichkeit das Panorama zusammenzusetzen.
Um das ganz etwas zu visualisieren, hab ich diese kleine Grafik erstellt:

Der Stuhl in der Mitte stellt hier das Hauptobjekt dar auf das ich fokusiert habe.
Geschafft! Den Rest macht die Software
So! Jetzt haben wir alle Bilder im Kasten. Der Rest der Arbeit ist eigentlich recht simpel. Lade die Fotos von der Kamera auf Deinen Rechner. Hast Du in RAW fotografiert, hast Du die Möglichkeit noch an Belichtung und Weissabgleich zu justieren. Wichtig ist nur, dass Du die Änderung, die Du an einem Foto vornimmst auch auf die anderen Fotos abbildest. Die “Sync”-Funktion in Adobe’s Lightroom ist für solche Aufgaben ideal. Hast Du alles so justiert wie es Dir am besten gefällt, empfehle ich die Fotos ins JPEG Format zu exportieren. Dadurch hast Du weniger Daten, was es Deiner Panoramasoftware leichter macht die Bilder zusammen zufügen. Importiere die Fotos jetzt in Deine Panoramasoftware und lass den Rechner den Rest machen. Am Schluss brauchst Du nur noch das fertige Bild zu cropen (also die überstehenden Kanten des Fotos abschneiden) und bei bedarf ein paar Anpassungen (je nach Geschmack) machen… und fertig ist Dein erstes Bokeh Panorama!
Hier noch schnell ein Testpanorama das ich auf die Schnelle für diesen Artikel gemacht habe. Das Panorama besteht aus ca. 40 Einzelbildern. Als Linse habe ich das Canon EF 100mm f/2.8 eingesetzt. Das Ergebnis ist tatsächlich wie ich mir das ganze vorgestellt habe. Der Stuhl im Vordergrund ist schön scharf und der Rest drumherum (und vor allem die Blätter im Hintergrund) sind unscharf und zeigen eine tolle geringe Schärfentiefe. Das Finale Bild hat eine Auflösung von 6767 x 7943 Pixeln (was ca. 53.8 Megapixeln entspricht). Natürlich ist mein Testfoto hier nicht vergleichbar mit den absolut umwerfenden Fotos von Ryan, aber zumindest zeigt es, dass auch “Amateure” diese Technik durchführen können
Ich hoffe dieser Artikel ist hilfreich für euch. Probiert die “Brenizer Method” doch einfach mal aus und postet eure Ergebnisse in den Kommentaren zu diesem Artikel.























Markus on 27. Dezember 2011
Wow, das ist ja echt einfach. Bin begeistert und muss dies mal bei gelegenheit austesten.
Danke für die Anleitung!
Winni on 29. Dezember 2011
Hi Markus,
danke fuers Feedback. Freut mich wenn Dir der Artikel geholfen hat. Bin gespannt auf Deine ersten Ergebnisse!
Ich und der Brenizer - spiegelberg dot org on 21. Mai 2011
[...] Es ist gar nicht solange her, dass ich von Ryan Brenizer noch gar nichts gehört hatte, was den geschätzten Hochzeitfotografen Stilpirat aus der Nordheide ähnlich zu entsetzen schien, wie die Aussage “Schicken Sie mir doch ein Fax!” Nun ja, nachdem sich ein weiterer Bekannter – mein Halbnamensvetter Stefan – von Herrn Brenizer in New York hatte ablichten lassen und mir die Bilder sehr, sehr gefielen, wollte ich mal dahinter kommen, was es mit der “Brenizer Methode” auf sich hat – mein erster Weg führte auf einen Blog. [...]
Das “Brenizer” Vogelhaus » Walter Keller – Photography on 12. Februar 2011
[...] 46 Einzelfotos ist dieses Bild mit der “Brenizer”-Methode entstanden. Auf der.ftgrf wird diese Methode sehr gut [...]
Bokeh Panoramen – die “Brenizer Methode” « TotalMedial on 19. Mai 2010
[...] Auf dem Blog Winfried Neessen gibt es eine ausführliche Ein- und Anleitung zur Brenizer Methode. [...]
Maiwie on 10. April 2010
Hi Winni, das ist echt super erklärt. Ich bin wie Du ein echter Fan von Ryan. Bis jetzt hab ich mich noch nicht getraut, seine Methode umzusetzen. Aber ich werde es mal angehen
Liegen Gruss aus Barcelona, Maike
Winni on 11. April 2010
Hi Maike,
danke fuers Feedback. Bin gespannt auf Deine Ergebnisse!
Schoene Gruesse aus Koeln
Winni
frank on 18. März 2010
das ist wirklich super beschrieben. daraufhin habe ich das heute direkt mal ausprobiert. ist nicht ganz einfach, aber ich glaube, ich habe das Prinzip verstanden
nur mit meinem CS habe ich Probleme, wenn ich ihm so viele Bilder auf einmal “zu Fressen” gebe. Wenn ich das ganze aber in kleinen Häppchen erledige und dann ca. 5 Dateien habe, die ich zu einer finalen Version merge, kann das auch mein CS.
Einfacher geht es aber mit meinem Panoramastudio pro
Winni on 19. März 2010
Hi Frank,
freut mich das Dir der Artikel geholfen hat. Vielen Dank auch fuer Dein Feedback- vielleicht ist das auch Hilfreich fuer andere Leser.
Winni